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25.01.2017 10:47 Age: 360 days
Category: Nachrichten

Was heißt hier amerikanisch?

Trump und der Auto-Imperalismus: Ist ein Chevrolet automatisch ein amerikanisches Auto? Und ein Mercedes immer ein deutsches? Schwer zu sagen. Selbst die US-Behörden haben keine richtige Antwort.


Der Toyota Camry ist das amerikanischste Auto überhaupt. (Foto © Toyota)

Der Toyota Camry ist das amerikanischste Auto überhaupt. (Foto © Toyota)

Zu viel Mercedes, zu wenig Chevrolet: Donald Trump hat den angeblichen Auto-Imperialismus der Deutschen kritisiert. Dabei hätte er nur in die Statistiken seiner eigenen Highway-Administration schauen müssen, um zu sehen, wie wenig das Herstellerlabel über die "Nationalität" eines Autos aussagt.

Wie viele Chevrolets man in Deutschland sehe, hatte der neue US-Präsident in einem Interview mit der "Bild" rhetorisch gefragt. Um sich umgehend selbst die Antwort zu geben: "Nicht allzu viele, vielleicht gar keine, man sieht dort drüben gar nichts, es ist eine Einbahnstraße." Denn Mercedes-Modelle habe in Teilen New Yorks fast jeder vor seinem Haus stehen.

Auch wenn der zweite Teil der Aussagen einen falschen Eindruck erweckt (Marktanteil Mercedes/USA: rund 2 Prozent), so ist doch Teil eins kaum von der Hand zu weisen. Zwar führt das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in seiner Bestands-Statistik immerhin knapp 245.000 Fahrzeuge mit Chevrolet-Logo - bei einem Großteil handelt es sich aber um in Südkorea gebaute Modelle der Tochter Daewoo. Von "amerikanischen" Autos im Sinne Trumps kann man da wohl kaum sprechen; die meisten Modelle wurden noch nicht einmal auf dem US-Markt angeboten. Lupenreine "Nordamerikaner" gibt es nur wenige, etwa die knapp 2.200 Einheiten des Muscle-Cars Camaro (wird mittlerweile allerdings in Kanada gebaut) oder die gut 1.200 Einheiten des Sportwagens Corvette. Dazu kommen noch ein paar hundert SUVs der Typen Tahoe und Trailblazer. Bei den Wettbewerbern von Ford und General Motors sieht das kaum anders aus; auch dort dominieren die von Ford of Europe beziehungsweise Opel verantworteten Modelle den Bestand. Als einzige reine US-Marke ist Jeep in Deutschland mit mehr als 100.000 Autos relativ präsent. Allerdings gehört der Geländewagenhersteller genau wie seine Mutter Chrysler mittlerweile zum italienischen Fiat-Konzern.

Anders herum könnte man sich auch für die USA fragen, ob der in Spartanburg, South Carolina, gebaute BMW X5 ein deutsches Auto ist. Oder der Mercedes GLE aus Tuscaloosa in Alabama. Selbst VW unterhält in Chattanooga/Tennessee eine eigene große Fabrik. Teilweise werden die Fahrzeuge auch nach Deutschland importiert. Sind das dann deutsche oder amerikanische Autos?

Die kaum eindeutig zu beantwortende Frage nach der Herkunft von Autos spielt in den USA nicht erst seit Trump eine große Rolle. Schon seit Jahrzehnten versuchen Politik und heimische Hersteller, den Absatz der sogenannten Domestic Cars mit wirtschaftspatriotischen Maßnahmen anzukurbeln. Bereits seit dem Sommer 1994 sind alle Hersteller verpflichtet, für jeden Neuwagen den Anteil des in den USA geschöpften Wertes zu nennen. Der "American Automobile Labeling Act" verlangt von Pkw-Händlern zudem, auch den Ort der Endmontage sowie die Herkunft von Motor und Getriebe auf einem Aufkleber an jedem Auto zu nennen. Potenzielle Käufer können darüber hinaus auf den Internetseiten der Highway-Sicherheitsbehörde NHTSA die Amerika-Quote jedes aktuellen Modells recherchieren.

Wer das tut, merkt allerdings schnell, dass auch der Labeling Act keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage liefert, was ein amerikanisches Auto ist: Die Regeln der Berechnung sind kompliziert und für Laien kaum nachvollziehbar. Zudem werden auch Komponenten aus Kanada als amerikanisch bewertet, die Orte von Forschung und Entwicklung fließen gleich gar nicht nicht in die Bewertung ein.

Ironischerweise ist das Auto mit dem höchsten US-Anteil aktuell wohl keines, das Trump mit seiner Aussage gemeint haben dürfte. Denn nicht uramerikanische Autos wie die Pick-up-Bestseller Ford F-150 oder Chevrolet Silverado liegen in dieser Hinsicht vorne, sondern ausgerechnet ein Japaner: der Toyota Camry. Die Mittelklasselimousine ist zu 75 Prozent amerikanisch, wird in Kentucky montiert und bekommt dort auch Motor und Getriebe aus amerikanischer Produktion eingepflanzt.

Wie groß der Einfluss der AALA-Label im Speziellen und des Konsum-Patriotismus im Allgemeinen beim Autokauf wirklich ist, ist umstritten. Die NHTSA selbst bewertet zumindest die Rolle der Label als eher gering. Auch die jährliche Pkw-Bestsellerliste zeigt nicht unbedingt ein Übergewicht der US-Marken. Von den zehn bestverkauften Modellen stammten nur die drei ersten von Herstellern mit einem Hauptsitz in den USA. Der Rest trägt ein japanisches Logo. Warum das so ist? Sicherlich nicht, weil die Nippon-Limousinen schlechter wären als die "echten" amerikanischen Autos. (sp-x)