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11.09.2017 15:59 Age: 41 days
Category: Nachrichten

Materialschlacht unter dem Messeturm

Damit die Autos auf der IAA im rechten Licht stehen, betreibt die Industrie einen gewaltigen Aufwand. Und kaum ist die Messe vorbei, geht das ganze gleich wieder von vorne los.


Aufbau eines Messestandes bei der IAA

Rund 20.000 Tonnen Material müssen für die IAA in die Hallen geschafft werden | Foto © Opel

Frankfurt. Mit der IAA ist es wie beim Fußball. Nach der Messe ist vor der Messe. Als die 66. Internationale Automobilausstellung am 27. September 2015 mit dem traditionellen Hupkonzert aller Neuwagen zu Ende ging, hat für die Messemacher deshalb vielerorts bereits die Arbeit an der 67. Auflage begonnen. Noch während die Gabelstapler die Hallen leergeräumt und die Messebauer die Teppiche aufgerollt haben, wurden Skizzen gezeichnet und Konzepte geschrieben, wie sich die Großen der Branche in diesem Jahr präsentieren sollten.

Der lange Vorlauf ist nötig. Schließlich wollen Investitionen, die bei großen Herstellern schnell mal im zweistelligen Millionenbereich liegen, gut überlegt sein. Um zusammen nur rund 1.000 Autos zu präsentierten, werden dort nach einer Statistik des Veranstalters über 20.000 Tonnen Material verbaut, das mit mehr als 15.000 Lkw auf das Gelände gekarrt und von über 10.000 Messebauern, Schreinern, Dekorateuren und Technikern in Form gebracht wird.

Schon eine eher kleinere Marke wie Hyundai kalkuliert mit über 40.000 Mannstunden, in denen die Messebauer 1.100 Tonnen Material aus 120 Lastwagen zerren und daraus einen kleinen Palast für Kona & Co zimmern, der mit fast zehn Millionen LED-Pixeln ins rechte Licht gerückt wird. Und bei Audi werden binnen drei Wochen allein 80 Tonnen Stahlbau und Tragwerk installiert und mehr als 630.000 Schrauben angezogen, damit am Ende 30 Autos und ein Motorrad auf knapp 3.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche so richtig zur Geltung kommen. Highlight auf dem Messestand soll dabei eine als medial bespielte „Cloud“ werden, die aus 220 Modulen und rund 7.000 LED-Kacheln besteht und über Fahrzeugen und Besuchern schwebt.

Den vermutlich größten Aufwand treiben aber Mercedes, Maybach und Smart, die traditionell wieder die altehrwürdige Festhalle in das spektakulärste Autohaus der Republik verwandeln. Nach zwölf Monaten Planung und mehr als zwei Monaten Aufbau bietet das dann nicht nur Platz für rund 100 Fahrzeuge, sondern auch zwei Tribünen mit zusammen 300 Sitzplätzen, zwei Bühnen von 955 und 115 Quadratmetern. Kein Wunder, dass die Schwaben dafür knapp 1.000 Tonnen Material in die Festhalle bringen und allein 45 Kilometer Datenleitungen und 210 Kilometer Stromkabel verlegen.

Selbst wenn spätestens zum Rundgang der Kanzlerin am Donnerstag der ersten Woche auch der letzte Gabelstapler verschwunden ist, das letzte Fitzelchen Teppich verlegt wurde, kein Staubkorn und kein Fussel mehr den Glanz trüben und alle Lampen brennen, ist die Schlacht für die Messemacher aber noch lange nicht geschlagen. Auch während der Messetage selbst geht der Aufwand unvermindert weiter. Schließlich wollen die Besucher ja informiert, unterhalten – und natürlich auch verköstigt werden. Schon seit Monaten werden deshalb Hostessen gecastet und Uniformen genäht, in oft mehrtägigen Seminaren lernen sie mehr über die ausgestellten Autos als manche Verkäufer und in den Großküchen rund um Frankfurt steigt so langsam merklich die Temperatur.

Allen Hyundai hat 450 Kilo Schokolade und 1,8 Tonnen Fleisch bestellt und dafür 2.000 Gläser, 1.200 Teller und 3.500 Besteckteile eingepackt. Opel dagegen wird zum Selbstversorger und verteilt neben 2,5 Tonnen Äpfeln auch Cookies, die aus 6.000 Kilo Teig direkt an Stand gebacken werden. Dazu gibt es jede Menge gegen den Durst: 30 Paletten Softdrinks, 4.000 Tassen Kaffee und 500 Liter Milch hat Hyundai eingeplant und Renault hat schon mal 300 Flaschen Champagner kalt gelegt.

Nicht zuletzt der gewaltige Aufwand und natürlich hunderttausende Zuschauer machen die Ausstellung zu einem gewaltigen Wirtschaftsfaktor für die Rhein-Main-Region, heißt es beim VDA: „Während der Messe sind mehr als 25.000 Personen im Einsatz – nicht mitgerechnet die Männer und Frauen, die zum Beispiel die Verkehrsströme steuern oder in Hotels und Pensionen Aussteller und Messegäste versorgen“, schreibt der Verband und kommt in einer ersten Hochrechnung auf etwa 400 Millionen Euro, die in der Region „hängen bleiben“.

Auch wenn die zahlreichen Müllcontainer rund um die blitzsauberen Hallen einen anderen Eindruck vermitteln, ist die IAA dabei längst keine Wegwerfmesse mehr. Der grüne Grundgedanke gilt – nicht zuletzt aus Kostengründen – nicht nur für die Antriebe der Ausstellungsfahrzeuge, sondern auch für das Standmaterial, heißt es bei den Herstellern. Vor allem die Grundkonstruktionen sind wiederverwendbar und reisen deshalb um die ganze Welt. Bühnen und Lounges, die jetzt noch nach Frankfurt locken, stehen deshalb in nicht einmal sechs Wochen vielleicht bereits wieder auf der Motorshow in Tokio. Die Möbelpacker und Messe warten schon. (SP-X)